Mit Rachmaninow im studio

Claire Huangci

„Ich werde sehr nervös bei Einspielungen (…). Wenn die Schlussaufnahme ansteht und mir bewusst wird, dass dieses Ergebnis jetzt genügen und von Dauer sein soll, beginnen meine Hände sich anzuspannen“, sagt – nein, nicht etwa Claire Huangci, die vor Kurzem Sergei Rachmaninows gesamte Préludes für das Label Berlin Classics eingespielt hat. Zu solchen Nerven bekannte sich vielmehr der Komponist selbst, der als einer der größten Pianisten seiner Zeit bedeutende Aufnahmen eigener und fremder Werke schuf und dabei stets ein gewisses Misstrauen  gegenüber der Konservierung seiner Kunst auf Tonträgern – damals sowohl Schallplatte als auch Musikrollen – beibehielt.

Aufregend und herausfordernd ist eine Aufnahme, nun für CD, auch ein knappes Jahrhundert später. Das gilt erst recht für die Préludes, deren Einspielung wahrlich kein Spaziergang für die Finger ist. Einerseits wegen der enormen technischen Herausforderungen und andererseits wegen der unterschiedlichen Popularität der einzelnen Préludes haben bisher erstaunlich wenige Pianisten den gesamten Zyklus vorgelegt. Claire Huangci bestätigt: „Es gibt einige Lieblingsstücke, die jeder spielt und jeder kennt, und diese Handvoll Préludes, die auch von Rachmaninow selbst eingespielt wurden, überschatten den Rest des Zyklus’. Das finde ich unheimlich schade – für mich gibt es kein einziges Prélude, das im Vergleich zu den anderen abfällt. Jedes für sich ist völlig einzigartig, und ich konnte in jedem ein eigenständiges Meisterwerk entdecken“, erklärt sie zur Frage, wodurch Rachmaninows Zyklus für ihre vierte Solo-CD, die im Sommer erscheinen soll, prädestiniert war.

„Ich wähle mein Repertoire stets sehr genau”, erläutert sie weiter. „Meistens sind es Stücke, die ich noch nicht ausführlich in Konzerten gespielt habe und mit denen mich ein persönliches Interesse verbindet. Und ja, ich möchte der Musik meinen eigenen Stempel aufdrücken, etwas finden, das ich aus meiner persönlichen Perspektive anders als andere ausdrücken kann. Einfach schon aus dem Grund, dass mir sehr bewusst ist, wie groß der CD Markt für Klaviermusik inzwischen ist. Nahezu alles ist ja schon vielfach eingespielt worden, also muss man aufpassen, dass man nicht eine CD herausbringt, die als eine von tausenden anderen untergeht.“

Bei ihren bisherigen CDs hat das hervorragend geklappt: Nach der Debüt-CD mit Solowerken von Tschaikowski und Prokofjew legte sie 2015 eine Auswahl aus den 555 Sonaten von Domenico Scarlatti vor. Mit Scarlattis besonderer Position in der Musikgeschichte im Sinn entwickelte sie dafür eine Gliederung, die sich teils an der barocken Suitenform, teils an der klassischen Sonate orientiert – ein Konzept, das musikalisch aufging: Ausgezeichnet wurde die Aufnahme mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik sowie als „Editor’s Choice“ vom Magazin Gramophone. Ihre 2017 erschienene Einspielung der Nocturnes von Chopin wurde ebenfalls hoch gelobt: „Braucht es noch eine Aufnahme von Chopins Nocturnes? Eigentlich nein! Aber wer die brandneue Doppel-CD von Claire Huangci hört, sagt dann doch: Ja!“, urteilte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung.

Aus diesen Erfolgen lässt sich jedoch kein CD-Patentrezept ableiten, und auch die Arbeit im Studio ist immer wieder neu. „Die letzte Aufnahmesession für die Chopin CD fand ich ebenfalls extrem herausfordernd, aber auf eine komplett gegensätzliche Art und Weise als bei den Préludes“, vergleicht die Pianistin. „Die Nocturnes sind physisch nicht so anspruchsvoll; es ging vielmehr darum, für jedes Einzelne die komplette Ruhe zu finden, die perfekte Stimmung, den perfekten Klang, und dabei wegen der langsamen Tempi alles in sehr langen Takes einzuspielen.“

Während Chopins Musik sie zudem schon seit sehr langem begleitet – als junge Künstlerin gewann sie den 1. Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Darmstadt 2009 und beim Chopin-Wettbewerb in Miami 2010 – hat sie sich Rachmaninows Werke erst später erobert. „Für lange Zeit war das einfach zu weit weg, ich konnte die Préludes nicht spielen. Ich habe in meinem Leben alle Chopin und Liszt Etüden gespielt und eine Menge anderer Werke, die alle auf ihre eigene Art und Weise herausfordernd sind. Aber zu erreichen, dass die Préludes für mich funktionieren, war die größte technische und körperliche Herausforderung, der ich bisher begegnet bin.“ Allein schon für die Logistik der Finger muss die zierliche Pianistin tief in die Trickkiste greifen. „Rachmaninow hatte legendär große Hände – er konnte eine Oktave plus eine Quarte greifen, was unglaublich ist – und ich habe extrem kleine Hände. Auch wenn er natürlich nicht exklusiv für seine riesige Fingerspannweite komponiert hat, muss ich oft an der Platzierung der Hände tüfteln und verändern, welche Noten von welcher Hand gespielt werden, um wirklich alles erwischen zu können, was notiert ist. Ich fände es absolut inakzeptabel, einzelne Töne zu verändern oder wegzulassen.“

Neben den im Wortsinn „handfesten“ technischen Fragen hat sich die Pianistin für den Weg zu ihrer Interpretation auf verschiedenen Pfaden in das Universum von Rachmaninows Musik begeben. „Ich habe mir natürlich einige Aufnahmen angehört, aber je tiefer ich in meinen eigenen Lern- und Gestaltungsprozess eintauche, umso mehr halte ich davon Abstand, um nicht zu direkt beeinflusst zu werden. Es gibt eine Handvoll sehr guter Referenzaufnahmen, vor allem von russischen Pianisten und natürlich Rachmaninow selbst. Ich schätze an ihnen verschiedene Aspekte und finde dann zu meiner eigenen Lesart.“ Die Frage, ob sie ihre Entscheidungen bewusst mit dem Ziel trifft, sich von anderen Interpretationen abzusetzen, verneint sie. „Ich muss nicht absichtlich alles ganz anders und neu machen, sondern das passiert von selbst – dadurch, dass ich meine eigenen musikalischen und persönlichen Erfahrungen mitbringe und zum Beispiel nicht diesen russischen Hintergrund habe.“

Bereichernd für ihr Eintauchen in Rachmaninows Denken fand sie auch die Lektüre seiner Lebenserinnerungen, die der Musikwissenschaftler Oskar von Riesemann seinen Gesprächen mit dem Komponisten folgend niederschrieb. Vor allem war es aber ihre Hör- und Spielerfahrung mit anderen Werken Rachmaninows, die als interpretatorischer Kompass dienen konnte: „Ich habe inzwischen all seine Klavierkonzerte aufgeführt. Und obwohl ich seine Solowerke noch nicht viel im Konzert gespielt habe, kenne ich viele recht gut, zum Beispiel die Études-tableaux. Außerdem habe ich die beiden Piano-Suiten mit verschiedenen Freunden vom Blatt gespielt und ich liebe seine Orchestermusik“, zählt sie auf und erläutert: „Rachmaninow verband mit jeder einzelnen Tonart verschiedene Stimmungen und Klangtexturen. Wenn man viele seiner Werke kennt, hört man, wie er zum Beispiel in d-Moll oder h-Moll komponiert – es gibt da vielleicht eine gewisse Atmosphäre, die er in einer Tonart immer heraufbeschwört. Das ist sehr interessant.“

Mit ihrer neuen CD im Gepäck hofft Claire Huangci, Rachmaninows Werke für Klavier Solo bald häufiger im Konzertsaal zu spielen – einen Vorgeschmack davon kann man im Juli bei ihrem Solorezital im Beethoven-Haus Bonn bekommen, wo sie eine Auswahl der Préludes ins Programm integriert. Ihr nächstes CD-Projekt soll dann wieder in eine ganz andere Richtung gehen: Im Januar 2019 nimmt sie eine Kammermusik-CD auf. „Früher, als sehr junge Musikerin, stellte ich mir vor, dass der Erfolg als Pianistin bedeutet, immer solistisch zu spielen. Sehr schnell begriff ich, wie falsch ich damit lag“, erklärt sie „In Deutschland hatte ich die Möglichkeit, gleichaltrige Musiker zu finden, Freundschaften zu entwickeln und gemeinsam zu spielen, einfach, weil es Spaß macht. Und ich merkte, wie das gemeinsame Aufführen, Experimentieren, Interpretieren meinen Blick erweitert.“

„Ich gehöre zu den Menschen, die immer Neues entdecken wollen, deshalb beschäftige ich mich so gern mit verschiedenem Repertoire“, führt die Pianistin, die gerade mit dem ersten Preis beim Concours Géza Anda ausgezeichnet wurde, fort. Und so reist sie im Sommer von Kammermusikauftritten zu Solorezitalen, startet mit Orchesterauftritten wieder in die Saison und profitiert dabei – so sehr sie inzwischen als Musikerin erwachsen geworden ist – indirekt ein wenig von ihrem alten „Wunderkind“-Leben: „Ich habe schon früh einen ganzen Berg Repertoire gelernt – wenn ich jetzt etwas Neues mache, habe ich dadurch einfach einen Vorsprung.“